Maurice White - Mehr als die Seele von Earth, Wind & Fire

Maurice White
Earth, Wind & Fire
Maurice White

Am ersten Februar-Wochenende veranstalteten Radiosender quer durch die USA eine Art Marathon mit der Musik von Earth, Wind & Fire um den am 4. Februar verstorbenen Maurice White zu ehren, einen der Gründer von, Sänger für und treibende Kraft hinter der Band. Am Sonntag werden Maurice White und seine Band mit einem Grammy für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, ebenso wie zuvor schon u.a. Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Johnny Cash und die Beatles. Nur gelegentliche Hörer wundern sich vielleicht, Earth, Wind & Fire, die bekannt wurden durch Pop-Hits wie “September” und “Shining Star”, in solcher Gesellschaft zu finden. Aber die Auszeichnung ist eine gute Gelegenheit, nicht nur Whites Musik zu feiern, sondern auch seine wohldurchdachten Reaktionen auf die Rassenfrage ebenso wie auf die Musikindustrie in den frühen Siebzigern. Maurice White, ein großartiger Musiker, der sich längst einen Namen als Jazz-Schlagzeuger gemacht hatte, verwandelte Earth, Wind & Fire in eine der erfolgreichsten Crossover-Gruppen der Popmusik-Geschichte zu einer Zeit, als die Musikindustrie dabei war, schwarzes und weißes Publikum auseinander zu dividieren. Earth, Wind & Fire brachten es fertig, auf dieses wie jenes Publikum anziehend zu wirken: Zusätzlich zu ihrer steten Präsenz in den R&B Charts verzeichnete die Band auch in den Popcharts jeweils sieben Alben und Singles unter den Top 10. Es mag offensichtlich sein, dass es ohne Maurice White weder die Commodores noch Kool & the Gang oder die Gap Band gäbe. Weniger offensichtlich ist, dass ohne White wahrscheinlich auch “Thriller”, Outkast, Pharrell Williams oder Drake nicht existieren würden.
Maurice White sah sich vor die zentrale Herausforderung für einen schwarzen Musiker jener Zeit gestellt, sich ein breiteres Publikum innerhalb einer immer stärker konsolidierten Musikindustrie und sich immer weiter aufgliedernden Musik-Landschaft zu erarbeiten. Rock’n’Roll, der den Zeitgeist reflektierte, wurde aufgefächert in einzelne Sparten wie Southern Rock, Heartland-Rock, Heavy Metal, frühen Punk und noch weitere, die alle aus Studios hervorgingen, die auf der Jagd waren nach neuen Sounds und steigenden Verkaufszahlen. Gleichzeitig förderte die Konsolidierung der Aufnahmestudios, bei der nur einige wenige größere Labels übrigblieben, den verschärften Blick auf weiße Mittelschichtkinder und deren Bereitschaft zu Plattenkäufen. Während diese Entwicklung eine niederschmetternde Wirkung auf etliche Musiker hatte, sah White die Möglichkeiten, die sie offenbarte. Statt sich auf eine musikalische Tradition zu beschränken, mischte er vielerlei Klänge und Rhythmen – vom Jazz-Takt in Songs wie “Caribou” zu den Latino-Einflüssen in “Brazilian Rhyme” und den karibischen Steel Drums in “Side by Side”. Ramsey Lewis, der Jazzpianist und Komponist, mit dem White in den Sechzigerjahren spielte, meinte einmal, dieser hätte die frappierende Gabe, »seine sämtlichen musikalischen Wurzeln, Jazz, R&B, Pop, Gospel und Klassik zusammenzuführen.« Seine Verschmelzung verschiedener Klänge und Musikstile war auch ein wohlkalkuliertes Geschäftsrisiko. Maurice White setzte sein damaliges Plattenlabel Columbia Records unter Druck, um zu erreichen, dass die Pop-Promoter seine Arbeiten gemeinsam mit den R&B Werbefachleuten vermarkteten. White war der festen Überzeugung, dass das Vermischen verschiedener Musikrichtungen zu einer bestimmten Form der Harmonie führte – musikalisch wie metaphorisch – die die Angst der Plattenfirma vor Verlusten überwinden würde. Der Produzent Wayne Edwards schrieb in seinen Memoiren, dass Maurice White der Überzeugung war, dass seine Musik »eine natürliche Anziehungskraft ausübe jenseits rassischer, sozialer oder wirtschaftlicher Grenzlinien.«
Whites Herangehensweise der Vermischung musikalischer Traditionen ist heutzutage üblich, aber in der Popmusikszene der 1970er war sie revolutionär. Die Band präsentierte ihre Musik in ausgefeilten Shows auf riesigen Bühnen mit Feuerwerk, Zaubertricks und farbenprächtigen Kostümen im Afro-Look, wodurch Earth, Wind & Fire eine der größten tourenden Shows des gesamten Jahrzehnts war. Nach den Aufständen und der steigenden Kriminalitätsrate der späten 1960er standen schwarze Shows unter dem Druck, weniger bedrohlich auf weißes Publikum zu wirken. Maurice White nutzte die Popularität seiner Band, um eine nüchternere soziale Botschaft in Bezug auf Rassen vorzustellen. In dem Song “Evil”, den er gemeinsam mit Philip Bailey verfasste, singt er: »Beauty in our face you see, Tryin’ to hide all our misery, But Evil, runnin’ through my brain, Me and evil are about the same - Schönheit seht ihr in unserm Gesicht, das all unser Elend zu verbergen sucht; aber das Böse fließt durch mein Gehirn, das Böse und ich sind ungefähr dasselbe.« Man denke an Negro Spirituals und Paul Laurence Dunbars “We Wear The Mask”.
Unter der Oberfläche der ansteckenden Rhythmen und paillettenbesetzten Kostüme der Band legten White und Bailey den Finger auf die andauernde Misere des schwarzen Musikers: Sing was Fröhliches oder lass’ es gleich ganz. Dass zwei der Alben von Earth, Wind & Fire, darunter auch das, das den Durchbruch brachte: “That’s the Way of the World”, Soundtracks zu Filmen waren, die sich mit der Unterdrückung der Schwarzen befassten, von denen der eine vom Rassismus im Musikbusiness handelte, lässt vermuten, dass White die Musikindustrie damit auffordern wollte, eine neue Richtung einzuschlagen. Hört man Earth, Wind & Fire und hat dabei die Rassenfrage im Sinn, so hört man nicht mehr nur treibende Rhythmen und mühelose Melodik, sondern auch den feinfühlig vorgetragenen Wunsch nach Wandel. »The way of the world makes his heart grow cold – Der Lauf der Welt lässt sein Herz kalt werden«, ruft uns die Hymne der Band ins Gedächtnis. Maurice Whites Hoffnung war, dass er zu denjenigen gehören würde, die, wie ein anderer Song mahnt, »turn it into something good – es zum Guten wenden« könnten. Wir sollten ihn in Erinnerung behalten als jemanden, der tatsächlich ein eiskaltes Business in etwas Gutes verwandelt hat.

The New York Times
Roger Thompson ist Professor für Literatur und Rhetorik an der Stony Brook University.

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