Carmen - die Jahrhundertoper

Leonard BernsteinLeonard Bernstein
Marilyn HorneMarilyn Horne
James McCrackenJames McCracken

Durchgefallen und gefeiert. Dieses anfängliche Schicksal teilt Bizets Opernreißer Carmen mit einigen anderen bedeutenden Werken der Musikgeschichte. Doch wie kommt es, dass das Gipfelwerk der Opéra comique rund um pikante Dauer-Themen wie Eifersucht, fleischliche Leidenschaft und Liebe zunächst wenig Gegenliebe fand? Zum einen – so zu lesen – habe die Figur Carmen, die sich um bürgerliche Werte keinen Deut schert, dem Pariser Publikum nicht behagt. Zum anderen schmähten seine Landsleute Bizet als Wagnerianer, obwohl die Form im Gegensatz zur durchkomponierten Anlage der tradierten Nummernoper folgt und Melodik und Harmonik typisch französischen Tonfall anschlägt. Wenn es denn doch ein wenig wagnert, dann in Form des unverkennbaren molltonalen Carmen-Themas, das die Oper wie ein Leitmotiv durchzieht. Doch so, wie sich die Partitur bis heute jeglicher Festlegung entzieht, bleiben auch ihre Helden schwer fassbar. Allen voran die streitbare Carmen, die für Selbstbestimmung, Freiheits- aber auch freie Liebe steht, die Friedrich Nietzsche als »endlich in die Natur zurückversetzte« Liebe pries, und – die mit einem Seitenhieb auf Wagner – eben »nicht die Liebe einer höheren Jungfrau« sei.
So kontrovers der ästhetische Diskurs um die Handlung von Arbeitervolk, Halbwelt und korrupter Polizei geführt wurde, so unterschiedlich bis unvergleichbar präsentieren sich die bedeutenden Schallplatteneinspielungen dieser Oper. Den bekannten und fraglos auch überzeugenden Aufnahmen der Zeit verweigert Bernstein die Höflichkeitsgesten. Völlig anders als beispielsweise Karajan oder Beecham, wählt er langsame Tempi, aus denen emphatische Ausbrüche dramatisch hoch verdichtet emporschießen. Marilyn Horne in der Titelrolle vermeidet den vordergründigen Aufritt als Femme fatale, arbeitet die dämonischen und diabolischen Schattierungen der schillernden Persönlichkeit heraus, freilich nicht ohne erotisches Knistern. James McCracken als Don José verkörpert mit seiner charakteristischen Stimme ein plastisches Bild vom sensiblen Mannsbild, das stufenweise in die Kriminalität abgleitet und seine verzweifelte Entschlossenheit zum finalen Mord glaubhaft ausstrahlt. Als potenter Toreo Escamillo zeigt sich Tom Krause. Die Ensemble-Szenen meistert der Metropolitan Choir bravourös und mitreißend.
Ob diese DGG-Produktion ganz im Sinne ihrer Helden als »mutig und provokativ« (New York Times) oder sogar als »Jahrhundert-Aufnahme« (Hifi Stars) zu bewundern ist, darf unentschieden bleiben. Viel wertvoller ist die spannende Erkenntnis, dass es eine Carmen nach Dienstplan nicht geben kann.

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